Inszenierung Fußball: Ist die Wirklichkeit zu schnell für meinen medial verwöhnten Blick?

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Nach langen Jahren medialen Fußball-Erlebens per Sportschau oder Länderspielübertragung, sitze ich eines Tages wieder im Fußballstadion bei einem Live-Spiel mit achtzigtausend Zuschauern. Ich bin überwältigt. Alles plötzlich ganz in echt. Groß, schreiend, laut. Real vor meinen Augen. Und dann passiert es: Nur ein kurzer Blick nach rechts zum Nachbarn. Ein klitzekleiner Augenblick. Zack! Himmel-Herr-Gott-Sakra. Um mich herum bricht die Hölle los. Ich höre nur noch Schreien. Sehe nichts. Alle springen auf und fallen sich in die Arme. Ich nicht. Ich bleibe sitzen. Bin draußen. Nicht wirklich drin in dieser großen Emotion. In der spontanen Bewegung. Bin eher wie erstarrt. Ich kann da jetzt nicht mitgehen. Das Tor ist verpasst. Das darf doch nicht wahr sein. Im entscheidenden Moment abgelenkt. Ein kurzer Blick an den Mitmenschen. Verschenkt. Und schon vorbei. Die Gruppe feiert ohne mich. Das war die entscheidende Sekunde des ganzen Spiels und ich habe sie nicht gesehen. Nicht erlebt. Alles umsonst?

Vergebens warte ich nun auf die Wiederholung, wie beim Fernsehen. Wozu bin ich hier? Ich will sehen. Das geht so unglaublich schnell. Und ist auch weit weg. Unten auf dem Feld. Ich habe dazu keine wirkliche Meinung. Ich bin mir unsicher über meine Augen. Die Vergewisserung, wie etwas wirklich passiert, geschieht offenbar längst nicht mehr in der realen Zeit, der Echtzeit sondern erst in der verlangsamten Wiederholung, in der Super-Zeitlupe. Die fehlt hier basal im Stadion. Ich bin es anders gewohnt. Jetzt bin ich verunsichert. Hat der Schiedsrichter überhaupt wirklich gesehen und richtig entschieden? Hat die Masse recht? Soll ich mich freuen, darf ich mich ärgern? Ich warte und denke nach. Verpasse dabei glatt schon wieder eine wichtige Szene. Das Leben kennt keine Gnade. Es läuft einfach weiter. Auch ohne mich. Die vom Medium vorbestimmte Erwartung erfüllt sich nicht. Im Live-Spiel. Die Wirklichkeit ist live viel zu schnell für meine durch mediale Wiederholungen »verwöhnte« Wahrnehmung. Habe ich durch zu viel Medienerfahrung meinen »schnellen Blick« für die Wirklichkeit verloren? Kann ich meiner eigenen Wahrnehmung „Hier und Jetzt“ noch trauen? Bin ich auf das Medium Fernsehen angewiesen, auf die verlangsamte wiederholte Nahsicht, für mein gesichertes Gefühl wirklich im Bilde, auf der Höhe des Geschehens zu sein? Um sicher in den Moment fließen zu können? In einen emotionalen „Flow“ einzutauchen? Erlebe ich nun eher eine kontrollierte Emotion abseits eines Flow-Erlebnisses? Ein nicht mehr wirklich drin sein können, in den Dingen…?
Kann ich dem Schiedsrichter trauen, der ja selbst auch, bedingt durch seine »fehlbaren Sinne«, nicht mehr auf der Höhe der Technik ist? Wir brauchen doch technische Sehhilfen!? Ohne Video-Kontrolle kann man doch heute eigentlich gar keine »richtige« Entscheidung mehr treffen – oder?
Ist das Leben zu schnell für meine Wahrnehmung?
Fazit. Darf ich meinen Augen wirklich trauen?
NON VIDEO!?

ORTungen Real-Inszenierung: Fußball – eine performative Analyse
Die Veränderung des wirklichen Erlebens, des Augenblicks durch die mediale Sicht auf die Dinge. Was geschieht medienbedingt im individuellen und gemeinschaftlichen Erleben des Augenblicks, beim Tor, am Höhepunkt des Spiels?

Grundsätzliches.

Zwei Mannschaften treffen aufeinander,
um mit und gegeneinander zu spielen,
um zu kämpfen,
um sich zu messen

Zwei Zuschauerblocks stehen sich gegenüber,
um anzufeuern
um zu unterstützen
um zu schreien
um aufzuspringen
um zu jubeln
um zu buhen
um zu erleben
zusammen zu stehen
zusammen zu schreien
eins zu sein
im Schrei
im Jubel
im Tor

Zwei unterschiedlich farbige Massen,
feuern die eigene Mannschaft, »das Eigene« an,
gehen mit,
ergreifen Partei,
bekennen Farbe
zeigen Flagge,
lassen sich emotional ein,
kämpfen mit,
schauen genau hin,
sind Feuer und Flamme
für den Augenblick,
den Moment der Entscheidung,
gehen mit ihrer ganzen Energie in den Spieler,
freuen sich, ärgern sich, jubeln, werten, pfeifen, schreien,
sind mit Leib und Seele dabei,
sind befangen, eingefangen, gefesselt
von diesem Ringen
um Sieg oder Niederlage
wie eine Hetzmeute bei der Jagd,
alles fast wie im Krieg
aber Gott sei Dank sublimiert –
unblutig
meistens

Der finale Stich, Schuss, Treffer, Einschlag…
Die Kugel trifft mitten ins Herz des Gegners
Er holt aus zum vernichtenden Schlag
Der Tod wird zum Tor
Der Torwart steht wieder auf
Das Spiel geht weiter
Es ist doch nur ein Spiel?
Es ist nicht wirklich
Ernst – oder?

Jetzt gibt es eine Wiederholung des Augenblicks:
die Zeitlupe, die Super-Zeitlupe lässt nichts mehr verpassen.
Der Augenblick – oft viel zu schnell für die Wahrnehmung. Wir sehen live im Stadion nur von weitem das Ergebnis im Netz zittern aber der Schrei und die Bewegung der Massen verkünden es. Wie ein Lauffeuer setzt es sich fort durch die Reihen als Welle. Ein tosendes Beben, ein donnerndes fanfarengestütztes, erhebendes…

Doch wehe es gibt Existenzentscheidungen – siehe Wembleytor – dann stockt der Atem, der Kopf setzt aus, ein wütendes ganz archaisches Nein bahnt sich den Weg durch einen gequälten Schlund, bis nur noch das rote Zäpfchen im Rachen sichtbar ist, so groß öffnet sich das verzweifelte Maul, das nicht wahrhaben will, was da geschieht:

Ein gellendes NEEEEEEEEIIIIIIIIIIN!!!!!
mit acht E und zehn I
und fünf Ausrufungszeichen!
Das glaub ich jetzt nicht,
Das darf doch nicht wahr sein
Das gibts doch gar nicht
Du bist doch blind
Geh nach Hause
Schirri raus
Du hast Tomaten auf den Augen
Du schwarze Sau

Ein Raunen geht durch die Menge

LIVE vor Ort dabei zu sein –
ist etwas völlig anderes als eine
LIVE – ÜBERTRAGUNG

Jeder, der gewohnt ist, Fußball primär als Live-Übertragung im Fernsehen zu erleben, ist im Fußballstadion fasziniert und zugleich schockiert und überwältigt.

Das ist eine Massenveranstaltung. Atemberaubend, aufregend, gefährlich, unberechenbar. Zwei unterschiedliche wogende Farbenmeere, aufbrausende Schlachtengesänge. So könnte es früher im Krieg gewesen sein, wenn sich durch Farben gekennzeichnete Heere einheitlich skandierend, rhythmisch trommelnd, furchteinflößend singend, schreiend bedrohten. Ab und zu gibt es Mutproben von Einzelnen, die sich zeigend vor der bedrohlichen Masse über das Feld laufen. Kurz vor der beginnenden Feldschlacht:

Seht mich an
Ich bin mutig
Ich habe keine Angst vor euch!!!
Versucht doch mich zu treffen!

Das Spiel wird live ganz anders erlebt. Es wird erst durch ein brausendes Miteinander-Erleben groß. Die erlebte sichtbare Wirkung, weit aus der Ferne ist oft gar nicht der Rede wert. Sie wird erst groß im gemeinsamen Jubel. Durch den kollektiven Schrei. Das Aufspringen. Hast du das Gesehen? Das war ja der absolute Wahnsinn! Egal. Hab ich‘s wirklich gesehen? Oder geahnt? Der Schiedsrichter hat es für alle bestätigt! Die Menge hat es aufgenommen.

Der Augenblick, das Hier und Jetzt,
der alles entscheidende Höhepunkt
ist schnell verpasst.
Durch einen verstellten Blick
Durch einen Schluck Bier
Einen Fahnenschwenk.
Einen kleinen Seitenblick.

»Hey Nachbar, was ist gerade passiert?«
Die Masse tost und jubelt,
ich habe es nicht gesehen
ich sehe nur das Ergebnis an der Tafel
Jetzt kann und muss ich‘s glauben.
Leider den Moment verpasst
Es gibt keine Zeitlupe im Stadion.
Vorbei! Schon geschehen, einfach weg

Dennoch funktioniert hier der Schwarm
Als Anschluss an eine Orientierung in der Wirklichkeit
Das automatische miteinander Bewegen
Die auf- und abflutende »La Ola«
Die gemeinsame synchronisierende Welle

Das Gefühl als Basis für die eigene Selbsteinschätzung
verändert sich unter dem Einfluss der Medien,

Bin ich mir sicher im Augenblick?
Kann ich mich wirklich auf meine Wahrnehmung verlassen?
Was habe ich genau gesehen?
Ist das wahr? Ist das wirklich?
Gestehe ich dem Augenblick seine unmittelbare Bedeutung zu?
Oder bleibe ich distanziert, warte auf die Wiederholung
weil ich erst dann glaube, was wahr ist.
Erst die Zeitlupe zeigt doch was wirklich geschehen ist – oder?
der Prozess des entstehenden Tores wird sichtbar
nicht das Ergebnis
im Netz
und in Zahlen an der Tafel
sichtbar als Ergebnis
und im Anstoß vom Mittelkreis
erst dann ist es wahr und wirklich

Das Ergebnis ist oft nicht mit den eigenen Sinnen messbar
es bedarf der Exaktheit des Mediums, um wirklich zu werden
also definiert das Medium inzwischen die Wirklichkeit?
Glauben wir noch unserer eigenen Wahrnehmung?
Das Live-Erleben bringt es an den Tag!

Wer Fußball nur noch medial erlebt,
ist nur eingeschränkt in der Lage
ein Spiel live im Stadion ohne mediale Seh-Hilfen
wirklich zu erleben
ohne die Zeitlupe als Überprüfung
für die Richtigkeit der eigenen Wahrnehmung
ohne Nahaufnahmen, um wirklich mit im Spiel zu sein
das Sehen im Stadion ist etwas ganz anderes
es ist ein Sehen – ja mehr ein Ahnen – aus der Ferne
ein statisches Sehen von Oben
im Medium Fernsehen wechselt dagegen die Perspektive
Standort und Standpunkt werden beliebig
im dazwischen
es ist paradox aber das Nah-Sehen
geschieht im Fernsehen
im Stadion wirkt etwas völlig anderes
die Zuschauer sind als Masse erlebbar
und das ist live erst einmal bedrohlich
das Erleben brodelnder Massen
das sich verselbständigende Rhythmisierte
die Unkontrollierbarkeit der Emotionen
die Umsetzung, Dynamik, Stimmungen
das Raunen
das Ah
das Oh
das Uh
das Jubeln
das Schreien
die Freude
die Wut

Unterschiedliche Gefühle
in ständigem Wechsel
im fluktuierenden Auf und Ab, Hin und Her
in seiner Abhängigkeit von oft banalen Spielzügen
und Ereignissen auf dem Platz zu erleben
die projektiv an der Zugehörigkeit
zu einer Mannschaft, zu einem Ort
und zu einer Farbkombination festgemacht und aufgeladen werden
das ist beeindruckend und überwältigend
das ist unmittelbares Live-Erleben
das Spiel ist Anlass für gemeinschaftliches Feiern
für Kampf und Wettstreit
für ein symbolisches Spiel ohne Verluste

Was braucht es für eine funktionierende Inszenierung?
eine definierte Ortszugehörigkeit
eine Farbzugehörigkeit
eine Identität durch einen Namen
ein Stadion
Zwei Mannschaften
Zwei Zuschauerblöcke

Bestimmen die Gruppierung

Kann ich mich einschwingen?
Kann ich den Kopf vergessen?
Gehe ich in den Augenblick?
In ein Hier und Jetzt?
Schreie ich mit den Anderen?
Halte ich mich zurück?
Schalte ich auf Gleichklang?
Werde ich Element im Rhythmus?
Zu einem Teil dieser Massenbewegung?
Nehme ich teil, werde ich Teil
eines Ganzen?

Reagiere ich emotional?
instinktiv
Lasse ich mich treiben

Bleibe ich distanziert,
kontrolliert,
verzögert?
Gegenüber dem einheitlichen
Ja und Nein
ein kritisches Massenerleben

Ist Fußball EMDR?
Eine wechselseitige Hirnstimmulation?
Neue Wege im Hirn erschließen.
Katharsis
Rausch
Ekstase
Trance
Gemeinschaftsbildend
Alleinheitserfahrung?
Archaisches Bekenntnis

Hier findet gelebter Glaube statt
Hier ist der Fußball-Gott anwesend
im Stadion Kirche

Das Medium lässt mich aus meinem Erleben heraustreten,
Mein Blick auf die Realität wird mir genommen,
Es setzt vor, präsentiert, zeigt.
Die Kamera wird mein Hilfsblick,
ersetzt meine Kopf und Augenbewegungen,
gibt mir den Blick vor, leitet mein Interesse.

Ich sollte wieder mehr lernen,
meinen Augen zu vertrauen.
Es gibt nur meine Wahrnehmung.
Der blinde Fleck ist Bestandteil meiner Wahrnehmung.
Er gehört wirklich – ganz materiell – zum Auge dazu.
Die Interpretation der Wirklichkeit ist notwendiger Bestandteil.
Dort, wo sich die Nerven bündeln auf der Netzhaut, ist der tote Punkt unserer Wahrnehmung lokalisiert. An diesem Ort muss ein Teil der Wirklichkeit immer a priori interpretiert werden. Denn dort ist wirklich Nichts zu sehen. Ein Teil unserer Bilder enthalten also immer das Nichts. Ein Loch ist also sowieso schon in unserer Wahrnehmung, um das herum wir Wirklichkeit interpretieren.
Kann ich also wirklich meinen Augen trauen? Oder bestimmen mediale Bilder meinen Blick auf die Wirklichkeit? Das »im Bilde sein« wollen oder müssen scheint eine dringliche Aufforderung, fast eine Zwangsverpflichtung, in dieser medial bestimmten Zeit. Entlarvender verzweifelter Exhibitionismus allenthalben: ekelerregende Schönheitsoperationen live, entlarvende Talkshows, demütigende Big Brother, Realityshows. Und täglich grüßt der Superstar. Die Boulevardisierung des Lokalen: »die alltäglichen Grausamkeiten des Lebens werden medial schön zubereitet passend zum Essen serviert«, etc und als Zuschauer ist das Dabeisein, das Mit-Wichtig sein alles – möglichst im Fernsehstudio – um darüber zu reden und vielleicht einmal in die Kamera winken zu dürfen. Einmal im Leben da zu sein, wo es wirklich stattfindet. Wo das, was wirklich wichtig ist, gemacht wird. Da zu sein, wo die Stars sind, die es geschafft haben. Ist das nicht der Himmel auf Erden?! Mit ihnen auf einer Ebene fast auf Wolke Sieben zu schweben. Ach – es wäre so bedeutsam für das Leben, dass sich all die Mühsal lohnen würde. Welch paradiesische Vorstellung. Einmal das eigene Elend und Leid vergessen auf dem steinigen Kreuzweg der fremden Prozession. Fremdgehen auf dem Kreuzweg? Das ist Blasphemie. Er ist nur für mich gestorben. Er für mich, ich für ihn? Symbolisch. Auf nach Golgatha in Telgte. Geißel über meinem gepeinigten Rücken:
»Mea culpa, mea maxima culpa!«
Endlose Kniefälle vor dem ewig leidenden Sohn vom Jupp. Schmerzverzerrt trage auch ich nun das Kreuz. Die Dornenkrone rutscht immer tiefer in die Stirn, bis all mein Denken, jedes Grübeln, jedes rationale Einordnen durch den stechenden Schmerz völlig nebensächlich wird. Meine Augen durch den roten Schleier kaum noch den Weg erkennen. Ich bin verwirrt und irritiert. Taumelndes Wandeln zwischen engen begrenzenden Münsterländischen Hecken. Alles Wesentliche bitte immer schön verstecken! Mein Blick läuft jetzt nur noch starr auf die nächste Betstation. Das Knie fällt mit letzter Kraft müde aufs Brett. Meine Augen gehen erwartungsvoll nach oben. Zum Abbild Himmlischen Leidens. Hände verschränken. Meine Lippen bibbern nur noch:
»Himmel hilf! Maria hilf! Jesus, Maria.«
Und dann…? Wieder aufraffen! Hilft ja alles nichts. Weiter geht‘s. Immer weiter… und weiter mit zerschundenen Knochen…
Wo ist sie nur geblieben die Vorsehung?
Wohin sind sie verschwunden Auguren, Seher, Wahrsager und Schamanen? In den Zeiten von Sinnkrise, Glaubensverlust und Reality-TV? Hat die Kirche sie gefressen? Sich einverleibt? Sind sie dort noch lebendig? Sind sie nur noch in fremden Ländern zu finden? Oder sind sie in einigen wenigen Reservaten in unserer Gesellschaft aktiv? In der Kunst, als Heilpraktiker, als Therapeuten, als Schamanen…?
Wo sind Orte von Utopie?
Im Wald?
In Telgte?
Bei der Wallfahrt?
Auf dem Pilgerpfad?
In der Kirche?
Im Fußballstadion?
In Schulen?
Auf Industriebrachen?
In Abrisshäusern?
In Ruinen?
Im Lehm?
Am Stein?
Am Baum?
An der Quelle?

Plötzlich ist ganz klar: »So kann es nicht weitergehen.«
Mein Leben und auch das der meisten anderen Menschen ist durch Visionsmaschinen bestimmt. So, wie in alten Zeiten der Stamm gemeinschaftlich um das Feuer sitzt und in lebendigem flackernden Schein den Geschichten der Alten und Tapferen lauscht, versammeln sich nun Einzelne täglich um einen flimmernden Kasten, der Welt repräsentiert. Alle Menschen scheinen dort miteinander vereint, wie in Platons Höhle. Geneigt, sich täglich fesseln zu lassen, an Hals und Schenkeln, ohne den Kopf drehen oder abwenden zu können. Bereit für die Schattenbilder unserer Zeit. Einige reden dabei, andere schweigen. Die meisten aber halten die gezeigten Bilder für wahr.
Ein gemeinschaftliches Feuer ist mitsamt aller Schatten in die Flimmerkiste gewandert. Alle scheinen nun dort vereint und untrennbar miteinander verbunden. Die magische Welt künstlich erzeugter Bilder gewinnt immer weiter Macht über die Wirklichkeit. Dem täglichen Sog dieses »im Bilde sein müssens« kann die weiter an Bedeutung verlierende reale Welt immer weniger entgegensetzen. Sie driftet in Richtung „Nebel von Avalon“ oder „Harry Potter“. Auf Sinn-Suche in medialen Tempeln nach Knochen, magischen Reliquien von „Super-Stars“. Als wenn die eigene Existenz davon abhinge:
»Ich bin nur wirklich wirklich, wenn ich im Bilde bin? Wenn ich in den Medien präsent bin.« Einmal im Leben im Fernsehen sein und allen zuwinken? Auch die Nachbarn sehen mich: »Jetzt bin ich endlich wer! Sie haben mich wahrgenommen. Alle haben mich gesehen. Ich auf einer Bild-Ebene mit den Superstars. Ich darf mich in ihrem Glanz sonnen. Habe mich an ihren Orten aufgehalten. Aus ihrer Tasse getrunken, von ihrem Teller gegessen. Ich habe sie berührt und inhaliert. Zum Fressen gern? Nehme mir von ihrer Kraft. Bin ich nun durch sie in meinem Leben geheiligt, wie durch eine mediale Wallfahrt? Oma hat alles aufgezeichnet und nun wird es immer wieder vorgeführt. Jetzt bin ich mitmächtig.« »Video – Ich sehe?«

»Non Video« – Ich sehe nicht. »Non Video« heißt »Live sehen«. So, ganz in echt sehen. Live sehen heißt: Nicht Fernsehen! Mit meinen Sinnen, mit eigenen Augen. Das aber erlebe ich unter meinem „Fernseh-Blick“ als irgendwie fehlerbehaftet. Mir wird real nicht mehr vor – »gesehen«? Fehlt mir die Vorsehung? Oder sehe ich mich selbst nicht mehr vor?

© Jürgen Lemke

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ORTungen 2010: „Haus Stapel, in Erwartung“

Eine ortsbezogene Inszenierung auf Haus Stapel, Havixbeck (27.11. /5.12.2010)

von Jürgen Lemke

Unter einer dünnen weißen Decke brodelt lebendig eine bissige animalische Wildheit, die irgendwann ausschwärmen wird. In Erwartung bereiten wir als kultivierte Feinschmecker der Natur einen Tisch. Das Tischlein ist gedeckt und steht bereit. Im Zentrum des Wasserschlosses Haus Stapel. Mitten im Eingang des klassizistischen Säulenportals eines Herrenhauses. Dort, wo ehemals der Fürst seinen Auftritt hat und auf einem Podest die römische Göttin Flora thront. Es soll laut beiliegendem Rezept Maikäfersuppe geben. Irgendwann, wenn es wärmer ist. Sie sollen nur kommen! Käfer! Faszinierend, eklig, etwas bizarr diese Vorstellung? Eigentlich gar nicht so ungewöhnlich. Handelt es sich doch um ein altbewährtes Rezept, das sich bis Ende des 19. Jahrhunderts in deutschen Kochbüchern findet. Man isst Maikäfer traditionell als Suppe oder sogar auch kandiert als Süßspeise. Daher die Schokokäfer! Warum also jetzt nicht wieder aus der Not eine Tugend machen? Einer drohenden Plage, der alles Grün wegfressenden Käfer leiblich Herr werden. Warum vergiften und ausrotten, wie in den 70er Jahren, als ein Reinhard Mai singt: „Es gibt keine Maikäfer mehr!“ Jetzt sind sie wieder da! Alle vier Jahre in Massen. Bald auch auf Haus Stapel. Die weitaus elegantere Lösung ist: Man leibt sich die nahrhaften Schädlinge, ganz im Sinne einer vereinnahmenden barocken Eventkultur ein. Einem unwiderstehlichen Drang nach exklusivem Genuß, Repräsentation, schrillem Hype und Veröffentlichung folgend. Als eine exklusive kulinarische Delikatesse. Nach dem Rezept von Bertha Heyden aus dem Jahr 1887: „Maikäfersuppe ist der Krebssuppe ähnlich, nur kräftiger und wohlschmeckender.“ Die Invasion brummender Maikäfer kann vor der exklusiven Kulisse eines Schlosses ein richtiges Event werden, eine Küchenschlacht, eine Inszenierung kultureller Dominanz über Natur. In einem Schloss, das auf barocker Grundanlage errichtet ist, hat diese in Stein gehauene Haltung Tradition: Natur hat sich harmonisch und dekorativ in eine achsensymmetrisch angelegte Architektur einzufügen. Eine Gestaltung mit aufforderndem Impetus: Alles Lebendige beuge sich vor dem Herrscher. Die zentrale Mittelachse, von Tor über Brücke, bis hin zum Eingang dient der Inszenierung seines Auftritts. Repräsentationskultur par Excellence! Eine in Sandstein erstarrte höfische Bühne, ein Ort geronnener theatraler Gesten, wirkt immer noch „machtvoll“ nach Außen und Innen. Schon ausgestorben geglaubte Haltungen und Handlungen führen sich immer wieder zeitaktuell auf, wie auf einer unsichtbaren Matrix. Manch eine Bewohnerin scheint mit dieser besonderen Wohnstatt zugleich noch etwas von der hier offenbar eingewohnten herrschaftlichen Haltung zu beziehen. Welche Anleihen an eine splendide absolutistische Kulisse von Herrschaftsarchitektur zwischen Macht und Ohnmacht wirken hier immer noch – oder schon wieder – vor Ort? Welch subversiven Akt vollziehen Maikäfer-Engerlinge an den Wurzeln einer am Barock orientierten Grundordnung?

Auf Haus Stapel ist in der Hofanlage vor dem klassizistischen Herrenhaus rudimentär die Grundstruktur des Barock deutlich: Achsensymmetrie, parallele Rasenflächen, paarweise Bäume rechts und links sowie ein zentriertes grasbewachsene Rondell vor dem Hauptportal. Das atmet allerdings in seiner nonchalanten lockeren Umrandung mit elf ungleich großen Findlingen schon eher den Freigeist des Englischen Landschaftsgartens.  Elf Steine sind systemisch gesehen eigentlich ein Affront. Stapel im Wandel zwischen Barock und Klassizismus? Man bewegt sich von der Brücke aus durch eine barocke Vorburg mit achsensymmetrischer Hofanlage auf ein klassizistisches Herrenhaus mit Säulenportal zu. Geht die Bewegung vom Absolutismus in Richtung Aufklärung? Natur im Barock hatte eine dienende und schmückende Funktion. Herrschaftszeiten! Heute wird der Pudel wieder in die bürgerliche Hecke geschnitten und Natur im Dienste von Repräsentation geformt. Nach dem Motto: Möge doch ein wenig höfischer Glanz angesichts meines Vermögens, Natur harmonisch zu bändigen und durch Formstrenge in ihre Schranken zu weisen auch auf mich selbst abfärben! Formwillige, stets scherrbereite Buchsbäumchen in schönen Tontöpfen werden wieder symmetrisch an Eingängen plaziert. Säulchen und Portälchen werden auch gern genommen. Die glitzernde goldene Stab-Kugel mit Schleifchen darf in keinem Vorgarten fehlen und dazu vortrefflich passend kleine niedliche Figürchen. Sonnen wir uns so gern im Glanz des Absoluten und Perfekten? Stellt sich hier im morbiden Schloss eine grundsätzliche Frage nach Freiheit oder nach einem durch die äußere Form bestimmten Schicksal, nach Schein und Sein? Maikäfer flieg…?

Ausgangspunkt für meine ortsbezogene Arbeit im Öffentlichen Raum ist die Einladung, für die Ausstellung „Sense 9“ das zentral im Innenhof des Schlosses Haus Stapel gelegene Rondell vor dem Hauptportal künstlerisch zu thematisieren. Ich stelle bei meinen ethnografischen Studien der „Hofkultur“ fest: Das Rondell ist belebt. Unter dem schönen grünen Rasen gibt es, nach Auskunft von Bewohnern, hunderte wenn nicht tausende von bissigen Maikäfer-Engerlingen, die an den Graswurzeln nagen. Seltsam, ja fast märchenhaft. Sie fressen sichtbar eine braune Form in das grüne Rondell. Diese bedeckt fast die eine Hälfte und ragt bis über die Mitte hinaus in die herrschaftliche Sichtachse. Die Form aus totem Gras erhöhe ich mit einem rot-weißen Warnmarkierungsband und Stahlstäben, die ich von Haus Hülshoff geliehen habe. Ich errichte auf dem Rondell gleichsam eine Baustelle im Öffentlichen für das brodelnde Lebendige unter der Oberfläche. Wer muss hier eigentlich vor wem geschützt werden? Die sich gerade selbst formenden Engerlinge vor ihrer Verfütterung an das Chamäleon eines der Schlossbewohner? Die Kinder davor, von Engerlingen gebissen zu werden? Engerlinge unterhöhlen und stören eine „schöne“ Kulisse. Brechen Form. Natur lässt sich nicht bändigen, sie wirkt subversiv. Ich bewahre Form. Spanne ein rot-weißes Achtsamkeitsband. Mache aufmerksam auf subversives Tun unter der Oberfläche. Ich lasse die verdeckte braune Form symbolisch rot-weiß über dem Schnee schweben. Sie schiebt sich in die Mittelachse des Schlosses. Die zentrale Sichtachse wird unterbrochen. Es ergibt sich eine rot-weiße Irritation vor dem Schlossportal.

Für die „Lösung der Maikäferfrage“ bereite ich eine Option vor: Einen runden Tisch und zwei Stühle versetze ich von ihrem ursprünglichen Standort, vier Meter weiter links, mittig in die Achse, ins Zentrum. Ich decke den Tisch mit Requisiten, die ich mir von Bewohnern Haus Stapels leihe: Eine Tischdecke, zwei Teller, zwei Gläser, zwei Löffel, zwei Servietten und einen Kerzenleuchter. Dazu lege ich ein Rezept für Maikäfersuppe. Ich wünsche Guten Appetit.

Katastrophenprojekt für Ruhr.2010

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Die Berichterstattung über die Katastrophe bei der Loveparade zeigt, wie extrem Massenevent, Vermarktung, Hype, Sensation und Schaulust in einem erschreckenden durch Medien vermittelten Kontext stehen. Daraus ergibt sich für mich eine dringende Notwendigkeit diese Zusammenhänge kritisch zu reflektieren.

Im Jahre 2008 ist als Projektvorschlag für RUHR.2010 ein medienkritisches Kunstprojekt eingereicht worden, das zum Thema die medial gehypte Real-Inszenierung einer Katastrophe hatte. In dem Projekt „ORTungen 2010: Katastrophen-Schutz-Übung“ sollten Soap-Darsteller aus bekannten Serien wie Lindenstraße, GZSZ, etc in eine fiktive inszenierte Katastrophe geschickt werden und dort von Kamerateams ihrer Sender live begleitet werden. Zugleich sollte das Projekt eine reguläre Übung für Katastrophenschutzeinheiten (Feuerwehr, Rotes Kreuz, Malteser, THW) sein, die unter fast realen Bedingungen für den Ernstfall proben sollten. Dieses Kunstprojekt ist von RUHR.2010 wegen seiner fehlenden Nachhaltigkeit abgelehnt worden.

Ich möchte an dieser Stelle die „reale Katastrophe“ zum Anlass nehmen, um über die damals angesprochene grundsätzliche Problematik der Verzahnung von Massen-Event und Medienberichterstattung  zu reflektieren.

Ich zitiere aus dem Konzept:

„Unter der thematischen Leitlinie „Identität-Urbanität-Integration“ entwickelt das Interdisziplinäre Büro Münster das Projekt „ORTungen 2010: Katastrophen-Schutz-Übung, eine Real-Inszenierung“. Ein Konzept, das die Durchführung einer Katastrophen-Schutz-Übung als künstlerisches Projekt zum Inhalt hat, mit dem Ziel, auf unterschiedlichen Ebenen Wirkungen und Wirklichkeiten einer Katastrophe erfahrbar zu machen.

Nichts ist erschütternder und faszinierender zugleich: eine Katastrophe. Ausgelöst durch Krieg, Terror, Natur oder Technik ist sie in der Geschichte der Menschheit immer wieder Anlass zur Besinnung, in der Gesellschaft sich selbst reflektiert. Sind wir auf dem Weg in die nächste (selbst inszenierte) Katastrophe? Wir sind Katastrophe?

Wie funktionieren Katastrophen real und medial? Bestellen wir ein Untersuchungsfeld unter künstlerischen Aspekten, als erfahrbaren Wahrnehmungs- und Übungsraum. Schaffen wir einen Reflexions- und Identitätsraum, um zu erfahren, was wäre, wenn wir selbst zum Opfer einer Katastrophe würden.

Der Klimawandel und seine Folgen scheinen kaum mehr abwendbar zu sein. Eine dieser Folgen dürfte ein steigender Meeresspiegel sein, eine andere sind extreme Wetterlagen. Die Vorstellung von einer Katastrophe, wie die einer unmittelbar hereinbrechenden apokalyptischen Sintflut gehört sicherlich zu den Urängsten der Menschheit. Von den Projektionsflächen der Medien fluten diese Urbilder immer wieder in die Kinos. Es sind Szenarios, die inzwischen durch persönliche Erfahrungen untermauert werden.

Durch die Allgegenwärtigkeit einer gleichwohl unsichtbaren Terrorgefahr, wie sie wieder und wieder in der Politik und in den Medien in den Vordergrund gerückt wird, beginnen räumliche Distanzen zu schrumpfen, medial unterstützt durch Live- Sensationsberichte und die persönliche Betroffenheit von Augenzeugen, die das Schicksal hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein.

Der Tsunamie-Schock in Thailand mit vielen betroffenen deutschen Urlaubern gilt als Beispiel aus dem Nahraum, denn er ging über die Fernsehkanäle direkt ins Herz der Zuschauer.

Noch vor zwei Jahren kam es durch ungewöhnliche Eislasten und den Zusammenbruch von Strommasten auch im Münsterland zu tagelangen Stromausfällen und entsprechenden Folgen für zehntausende Menschen direkt vor der eigenen Haustür.

Plötzlich befinden wir uns auch in der scheinbar so sicheren westlichen Welt wieder mit Kerzen in der Hand auf dem Weg in die solidarische Notgemeinschaft am wärmenden Lagerfeuer. Auch das sind Erfahrungen, wie sie Katastrophen mit sich bringen. Auch der nächste schon absehbare noch namenlose Orkan wird wieder Bäume entwurzeln, Dächer abdecken und für Überschwemmungen sorgen, das jedenfalls ist sicher. Inzwischen wissen wir auch: Vieles davon ist hausgemacht. Wir haben einiges davon mit zu verantworten. Wir sind Katastrophe.

In einem geeigneten ehemaligen Industrieareal mit evtl. noch nutzbaren Gebäudefragmenten zwischen Ruhrgebiet und Münsterland – z.B. Emscherbruch bei Recklinghausen – wird eine Katastrophe größeren Ausmaßes inszeniert. (…)

Ganz exponiert werden neben der regulären Rettungsarbeit an besonders ausgewiesenen Orten innerhalb des Terrains spezielle Notfallsituationen simuliert. Hier finden wir Schauspieler-Stars aus einschlägig bekannten Fernsehserien von „Lindenstraße“ über „GZSZ“ bis „Wege zum Glück“ als bekannte Identifikationsträger für eine Nah-Berichterstattung. Zuschauer können auf den Großprojektionsflächen der einzelnen Fernsehsender den Weg ihres Stars vom Unglück bis zur Rettung und Versorgung im Krankenhaus verfolgen.

Mobile Kamerateams von Sat1 bis WDR mit Live-Berichterstattungen für die entsprechenden Großbildleinwände an den Zuschauertribünen. Wir finden dort den RTL-Screen, die SAT1 Wand, die PRO7 Bühne und die Öffentlich-rechtlichen Projektionsschirme.

Wir sind als Zuschauer Live vor Ort in der Katastrophe. Private und öffentlich-rechtliche Sender bekommen die Möglichkeit, ihre eigenen Bilder – primär die ihrer Stars – zu zeigen und zu kommentieren. Zuschauer haben die Möglichkeit zwischen den einzelnen senderspezifischen Präsentationen der medial rezipierten Wirklichkeit zu wandeln und sich „ihr Bild“ zu machen zwischen der realen Fernsicht und den medial vermittelten Nahsichten.

Die Real-Inszenierung „Katastrophen-Schutz-Übung“ bezieht ihre Bedeutung unter anderem aus folgenden zeitaktuellen Themen:

• Aktualität von Katastrophenerwartungen durch fortschreitenden Klimawandel und zunehmende Terrordrohungen

• Dringende Notwendigkeit, mögliche zukünftige Katastrophenereignisse für den Schutz der Zivilbevölkerung zu üben

• Veränderungen in der Rezeption von Wirklichkeit: Zunahme von Simulationen, Etablierungen von Scheinwelten (z.B. Second Life, World of Warcraft, etc)

• verändertes Sicherheitsempfinden impliziert möglicherweise eine stärkere Identitätssuche und Zunahme des Starkults

• Spektakularisierung und gesellschaftlicher Voyeurismus, Schau- und Sensationslust

• Versuchsfeld zur Untersuchung medialer Darstellungs- und Rezeptionsformen von Katastrophenereignissen zwischen Fiktion und Wirklichkeit

• Eine Katastrophe unter der „Supervision von Öffentlichkeit“, ein bestelltes Experimentierfeld für einen öffentlichen Diskurs“

aus Projekt „ORTungen 2010: Katastrophen-Schutz-Übung“

Wir sind Katastrophe! „Loveparade“ wird „Death-Parade“ bei RUHR.2010

Jürgen Lemke

Es ist schrecklich, was in Duisburg passiert ist. Das ist eine Katastrophe. Viele Menschen haben ihr Leben verloren oder sind verletzt worden. Das hätte nicht passieren dürfen.

Letzte Woche auf der A40 ist es doch gut gegangen. Das Massenereignis „Still-Leben“. Drei Millionen durften ungestört feiern. Ohne Katastrophe. Auf der Autobahn. Ohne Raserei. Ruhr-Kultur setzt auf Masse. Das soll jetzt nach dem Willen von Bürgermeistern der Anreinerstädte am liebsten alle zwei Jahre so sein: „Die Menschen sollen feiern können.“ Sie selbst werden sich dann auch feiern, wenn alles glatt über die Bühne geht. Dann rollt der Rubel. Das Stadtmarketing jubelt. Massenkultur hat Konjunktur an der Ruhr. Aktionen wie Still-Leben sind beste Werbung für die Region.

Ein Massen-Event erzeugt idealerweise globale Aufmerksamkeit mit höchster medialer Wirkmächtigkeit. An diesem Werbe-Hype wollen alle teilnehmen. Das wollen wir jetzt gerne jedes Jahr! Brot und Spiele machen Massen froh. Das wusste man auch schon im alten Rom. Die Menschen sollen feiern. Jawoll. Dann geht es uns allen gut. Die Medien berichten selbstverständlich davon immer live. Alle sind im Bilde. Wunderbar. Es ist wie Karneval. Nur noch schöner.

So will man es auch in Duisburg. „Laut-Leben!“ Noch lauter als alle Anderen. Mit der Liebesparade. So richtig auf die Pauke hauen, damit ganz viele kommen und es sich auch lohnt. Aber… bitte nicht wirklich Alle! Dafür ist ja in Duisburg gar nicht genug Platz. Wenn wirklich 1,4 Millionen kommen zur Love-Parade, wie in Dortmund. Hilfe! Dafür sind wir gar nicht ausgelegt. Bochum? Nein, wir sagen nicht ab. Wir brauchen dringend dieses „jugendliche Image“, dieses „Label“ als Werbeträger für unsere Stadt!

Die krude Lösung: Wir sperren einfach alles ab! Wir kontrollieren die Massen! Überall Zäune und Gitter. Den entfesselten Massentanz weisen wir einfach in die Schranken. Wir kriegen das schon irgendwie sicher! Irgendwie…

Duisburg hat die Jugend der Welt an seinen ungastlichsten Ort geladen. Als wenn man die Raver eigentlich gar nicht wirklich in der Stadt haben wollte. An den fürchterlichsten Unort hinterm Bahnhof, den ehemaligen Güterrangierbahnhof wird geladen. Auf Geröll und Schotter soll getanzt werden. Am Besten gleich mit Sicherheitsschuhen! Das Gelände ist beileibe nicht in die Gute Stube sondern die Diaspora Duisburgs. Die Massen werden von Anfang an geleitet und bleiben zwischen Zäunen, Tunnel und Betonmauern.

Und so kommt dann alles ganz fürchterlich zusammen! An einem Ort, der viel zu klein ist. Das weiß man vorher. Man nimmt es in kauf. Verfolgt die Strategie: Wenn es zu viel wird, schaffen wir Nebenschauplätze. Dorthin leiten wir dann die Massen. Das wird schon sicher verlaufen. Diese naive Regelwut wird leider schreckliche Folgen haben! Doch selbst unser Duisburger Chaosforscher Professor Schreckenberg versichert doch höchst wissenschaftlich: Alles ist sicher! Das System ist bis ins letzte Detail durchgeplant!

Wir Fachleute glauben alle ganz fest an unser Sicherheitskonzept. Dabei haben im Vorfeld schon viele eigentlich „unwissende“ Ortskundige zurecht gewarnt: Der Platz sei doch viel zu klein. Nur für 250000 Menschen ausgelegt. Der Tunnel als einziger Zugang sei viel zu eng. Er könne zu einer tödlichen Falle werden!

Überhaupt: Für diese Zahl von Menschen ist die Veranstaltung doch eigentlich nur genehmigt! Egal! Das kriegen wir schon in den Griff! Sollen die Massen erstmal kommen.

Hauptsache die Floats laufen, die großen Werbe-Wagen. Die bringen Geld. Die Wagen des musikalischen Liebes-Umzugs sind zugepflastert mit Werbung. Die müssen fahren bis zum bitteren Schluss, damit es sich auch lohnt. Vielleicht wurde die Veranstaltung ja deshalb nicht früher abgebrochen. Wer weiß es? Geht es ums feiern? Für die Einen ja. Für die Anderen geht es doch primär ums Geldverdienen am Massen-Event. Dafür gehen sie zur Not auch über Leichen.

Es ist erschreckend makaber, wie dann der WDR live aus der Katastrophe berichtet. Das Medium Fernsehen hat sich darüber selbst ad absurdum geführt. In dem Wahn immer dabei zu sein. Über Alles zu berichten. Immer Live vor Ort dabei. Überschreitet das Boulevard seine ethischen Grenzen…

Erst ist alles wie bei einer großen Karnevalsveranstaltung. Plötzlich kippt es. Die ständig kontrollierte und in die Enge getriebene verdichtete Masse entfesselt sich, bricht aus, folgt einer chaotischen Bewegung. Menschen sterben, werden in der Masse erdrückt. Die Party entwickelt sich zu einer Katastrophe. Die „Love-Parade“ wandelt sich zur „Death-Parade“. Zu einem makabren Totentanz. Zu einem Funeral. Zu einer entfesselten entgleisten Begräbnisprozession.

Es ist grotesk, wie Moderatoren des WDR nun zunehmend hilflos versuchen, für diese fürchterlichen Bilder Worte zu finden. Es wird einfach weiter berichtet. Natürlich! Es ist ja auch wichtig, jetzt weiter dran zu bleiben an den schrecklichen Bildern. Die Menschen müssen ja informiert werden. Die gleichen jungen Moderatoren. Sitzen jetzt mitten in der Katastrophe. Überfordert. Versuchen alles „professionell“ im Griff zu haben. Das Unbeschreibliche beschreiben. Erschreckend hilflos.

Die „Death-Parade“ wird unbarmherzig weiter gefahren. Die Menschen tanzen. Die Wagen rollen weiter im Kreis. Die Musik dröhnt. Es läuft im Hintergrund alles so weiter als wäre nichts geschehen.

Was bedeutet eigentlich Moral? Gibt es keine Achtung vor den Toten?

Der nun skrupellos wirkende Massen-Event geht einfach weiter. Die unbarmherzige Werbe-Parade geht über Leichen. Rollt nun dröhnend über Tote hinweg.

Alles nur wegen der Sicherheit? Damit nicht noch etwas passiert? Fünf Stunden lang?!

Oder nicht primär, damit der Rubel weiter rollt. Die Wagen sind ja als Werbeträger verkauft! Da gibt es Verträge! Die würden jetzt gebrochen, wenn die Party nicht weiterläuft. Es würden dann keine Gelder fließen. Die Parade würde nun erst recht eine große Pleite werden! Also muss es jetzt weiterlaufen. Oder?

Fünf lange Stunden! Die Toten bleiben liegen. Wer weiß, was noch alles passiert? Da kann man ja jetzt nichts machen.

Es ist kaum auszuhalten! Und die Medien berichten immer weiter. Die Reporter schreien zu einer immer lauter werdenden Katastrophenmusik. Die Werbe-Wagen kreiseln. Es ist schrecklich absurd.

Niemand ist schuld an der Katastrophe. Alle haben ihre Pflicht getan. Die Sicherheitskonzepte gehen auf. Nur ein paar Verrückte haben Absperrungen überwunden. Sind einfach in den Tod gesprungen. Selbst schuld!

Nicht etwa die Ordnungs- und Regelwut hat verengt…

Unfassbar. Unaushaltbar. Unaufhaltbar!

Geldmaschine. Medienmaschine. Feiermaschine.

Massenmaschine.

Kopflos. Herzlos. Bumm, Bumm, Bumm…

Eiskalt schlägt und tanzt es weiter…

auf einem Berg von Leichen

Wir sind Katastrophe!

ORTungen

ORTungen versucht mit performativen installativen und medialen Mitteln,  Zeitströmungen zu lokalisieren, künstlerisch zu thematisieren und zu dokumentieren…
ORTungen ist die künstlerische Methode von Jürgen Lemke.

Künstlerische Arbeit:
http://ortungen.de/OrtungenLemkeKunstBeispiele.pdf http://www.ortungen.de/VitaLemke.pdf
https://ortungen.wordpress.com
https://ortungen.wordpress.com/2011/01/29/ortungen-2010-haus-stapel-in-erwartung/ http://ortungen.de/HenatschueberLemkeOrtungen.pdf http://ortungen.de/LemkeProjekt%20SchlachthofWiesbaden.pdf

Kritiken:
http://kritikmuenster.wordpress.com