Wir sind Katastrophe! „Loveparade“ wird „Death-Parade“ bei RUHR.2010

Jürgen Lemke

Es ist schrecklich, was in Duisburg passiert ist. Das ist eine Katastrophe. Viele Menschen haben ihr Leben verloren oder sind verletzt worden. Das hätte nicht passieren dürfen.

Letzte Woche auf der A40 ist es doch gut gegangen. Das Massenereignis „Still-Leben“. Drei Millionen durften ungestört feiern. Ohne Katastrophe. Auf der Autobahn. Ohne Raserei. Ruhr-Kultur setzt auf Masse. Das soll jetzt nach dem Willen von Bürgermeistern der Anreinerstädte am liebsten alle zwei Jahre so sein: „Die Menschen sollen feiern können.“ Sie selbst werden sich dann auch feiern, wenn alles glatt über die Bühne geht. Dann rollt der Rubel. Das Stadtmarketing jubelt. Massenkultur hat Konjunktur an der Ruhr. Aktionen wie Still-Leben sind beste Werbung für die Region.

Ein Massen-Event erzeugt idealerweise globale Aufmerksamkeit mit höchster medialer Wirkmächtigkeit. An diesem Werbe-Hype wollen alle teilnehmen. Das wollen wir jetzt gerne jedes Jahr! Brot und Spiele machen Massen froh. Das wusste man auch schon im alten Rom. Die Menschen sollen feiern. Jawoll. Dann geht es uns allen gut. Die Medien berichten selbstverständlich davon immer live. Alle sind im Bilde. Wunderbar. Es ist wie Karneval. Nur noch schöner.

So will man es auch in Duisburg. „Laut-Leben!“ Noch lauter als alle Anderen. Mit der Liebesparade. So richtig auf die Pauke hauen, damit ganz viele kommen und es sich auch lohnt. Aber… bitte nicht wirklich Alle! Dafür ist ja in Duisburg gar nicht genug Platz. Wenn wirklich 1,4 Millionen kommen zur Love-Parade, wie in Dortmund. Hilfe! Dafür sind wir gar nicht ausgelegt. Bochum? Nein, wir sagen nicht ab. Wir brauchen dringend dieses „jugendliche Image“, dieses „Label“ als Werbeträger für unsere Stadt!

Die krude Lösung: Wir sperren einfach alles ab! Wir kontrollieren die Massen! Überall Zäune und Gitter. Den entfesselten Massentanz weisen wir einfach in die Schranken. Wir kriegen das schon irgendwie sicher! Irgendwie…

Duisburg hat die Jugend der Welt an seinen ungastlichsten Ort geladen. Als wenn man die Raver eigentlich gar nicht wirklich in der Stadt haben wollte. An den fürchterlichsten Unort hinterm Bahnhof, den ehemaligen Güterrangierbahnhof wird geladen. Auf Geröll und Schotter soll getanzt werden. Am Besten gleich mit Sicherheitsschuhen! Das Gelände ist beileibe nicht in die Gute Stube sondern die Diaspora Duisburgs. Die Massen werden von Anfang an geleitet und bleiben zwischen Zäunen, Tunnel und Betonmauern.

Und so kommt dann alles ganz fürchterlich zusammen! An einem Ort, der viel zu klein ist. Das weiß man vorher. Man nimmt es in kauf. Verfolgt die Strategie: Wenn es zu viel wird, schaffen wir Nebenschauplätze. Dorthin leiten wir dann die Massen. Das wird schon sicher verlaufen. Diese naive Regelwut wird leider schreckliche Folgen haben! Doch selbst unser Duisburger Chaosforscher Professor Schreckenberg versichert doch höchst wissenschaftlich: Alles ist sicher! Das System ist bis ins letzte Detail durchgeplant!

Wir Fachleute glauben alle ganz fest an unser Sicherheitskonzept. Dabei haben im Vorfeld schon viele eigentlich „unwissende“ Ortskundige zurecht gewarnt: Der Platz sei doch viel zu klein. Nur für 250000 Menschen ausgelegt. Der Tunnel als einziger Zugang sei viel zu eng. Er könne zu einer tödlichen Falle werden!

Überhaupt: Für diese Zahl von Menschen ist die Veranstaltung doch eigentlich nur genehmigt! Egal! Das kriegen wir schon in den Griff! Sollen die Massen erstmal kommen.

Hauptsache die Floats laufen, die großen Werbe-Wagen. Die bringen Geld. Die Wagen des musikalischen Liebes-Umzugs sind zugepflastert mit Werbung. Die müssen fahren bis zum bitteren Schluss, damit es sich auch lohnt. Vielleicht wurde die Veranstaltung ja deshalb nicht früher abgebrochen. Wer weiß es? Geht es ums feiern? Für die Einen ja. Für die Anderen geht es doch primär ums Geldverdienen am Massen-Event. Dafür gehen sie zur Not auch über Leichen.

Es ist erschreckend makaber, wie dann der WDR live aus der Katastrophe berichtet. Das Medium Fernsehen hat sich darüber selbst ad absurdum geführt. In dem Wahn immer dabei zu sein. Über Alles zu berichten. Immer Live vor Ort dabei. Überschreitet das Boulevard seine ethischen Grenzen…

Erst ist alles wie bei einer großen Karnevalsveranstaltung. Plötzlich kippt es. Die ständig kontrollierte und in die Enge getriebene verdichtete Masse entfesselt sich, bricht aus, folgt einer chaotischen Bewegung. Menschen sterben, werden in der Masse erdrückt. Die Party entwickelt sich zu einer Katastrophe. Die „Love-Parade“ wandelt sich zur „Death-Parade“. Zu einem makabren Totentanz. Zu einem Funeral. Zu einer entfesselten entgleisten Begräbnisprozession.

Es ist grotesk, wie Moderatoren des WDR nun zunehmend hilflos versuchen, für diese fürchterlichen Bilder Worte zu finden. Es wird einfach weiter berichtet. Natürlich! Es ist ja auch wichtig, jetzt weiter dran zu bleiben an den schrecklichen Bildern. Die Menschen müssen ja informiert werden. Die gleichen jungen Moderatoren. Sitzen jetzt mitten in der Katastrophe. Überfordert. Versuchen alles „professionell“ im Griff zu haben. Das Unbeschreibliche beschreiben. Erschreckend hilflos.

Die „Death-Parade“ wird unbarmherzig weiter gefahren. Die Menschen tanzen. Die Wagen rollen weiter im Kreis. Die Musik dröhnt. Es läuft im Hintergrund alles so weiter als wäre nichts geschehen.

Was bedeutet eigentlich Moral? Gibt es keine Achtung vor den Toten?

Der nun skrupellos wirkende Massen-Event geht einfach weiter. Die unbarmherzige Werbe-Parade geht über Leichen. Rollt nun dröhnend über Tote hinweg.

Alles nur wegen der Sicherheit? Damit nicht noch etwas passiert? Fünf Stunden lang?!

Oder nicht primär, damit der Rubel weiter rollt. Die Wagen sind ja als Werbeträger verkauft! Da gibt es Verträge! Die würden jetzt gebrochen, wenn die Party nicht weiterläuft. Es würden dann keine Gelder fließen. Die Parade würde nun erst recht eine große Pleite werden! Also muss es jetzt weiterlaufen. Oder?

Fünf lange Stunden! Die Toten bleiben liegen. Wer weiß, was noch alles passiert? Da kann man ja jetzt nichts machen.

Es ist kaum auszuhalten! Und die Medien berichten immer weiter. Die Reporter schreien zu einer immer lauter werdenden Katastrophenmusik. Die Werbe-Wagen kreiseln. Es ist schrecklich absurd.

Niemand ist schuld an der Katastrophe. Alle haben ihre Pflicht getan. Die Sicherheitskonzepte gehen auf. Nur ein paar Verrückte haben Absperrungen überwunden. Sind einfach in den Tod gesprungen. Selbst schuld!

Nicht etwa die Ordnungs- und Regelwut hat verengt…

Unfassbar. Unaushaltbar. Unaufhaltbar!

Geldmaschine. Medienmaschine. Feiermaschine.

Massenmaschine.

Kopflos. Herzlos. Bumm, Bumm, Bumm…

Eiskalt schlägt und tanzt es weiter…

auf einem Berg von Leichen

Wir sind Katastrophe!

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